Doppelvergabe der Olympischen Spiele in einer Welt voller Unsicherheiten. Teil 2

Die Wende in der Vergabepolitik hatte Bach mit seiner Agenda 2020 eingeleitet: Frühzeitiges Begleiten, Leiten und ständiges Überwachen im Bewerbungsprozess, Kostenersparnis durch den Rückgriff auf Bestehendes, und sei es jenseits von Landesgrenzen, und auch durch stark eingeschränkte Möglichkeiten internationaler Präsentationen. Daraus entwickelte sich ein Ausscheidungsrennen, in dem Bürger-Ablehnung und Politiker-Skepsis in Boston, Hamburg, Rom und Budapest den Bewerbungen ein Ende setzten. Und zwar so rechtzeitig, dass hohe Kosten für Kandidaturen vermieden wurden. Die Gründe für die Rückzüge waren vielfältig: Sorge wegen Überforderung, Der Anfang des Artikels Olympischen Spiele. 

Sieg

Protest gegen Übermaß, Mangel an Transparenz, Unsicherheit aus Unkenntnis, politisches Missmanagement. Aus dieser Gemengelage von viel zu viel Last und viel zu wenig Lohn gingen mit Paris und Boston-Ersatz Los Angeles zwei Kandidaten hervor, die für Bach zu einer „goldenen Gelegenheit“ geworden sind, wie er es selbst nennt. Weil sie schon ganz viel haben, was man für gelingende Olympische Spiele braucht: In zwei Metropolen von Weltklasse und Glamour eine Infrastruktur mit der fast vollständigen Palette vorhandener Wettkampfstätten und Gebäuden. Dazu die Unterstützung von Politik, Wirtschaft und ganz offensichtlich auch von den Bürgern. Zwei Kandidaten zu haben für zwei Trophäen, das wirkt wie ein Luxusproblem. Für den IOC-Präsidenten ist es faktisch eine Verlängerung seiner Agenda 2020 als Agenda 2028.

Der Coup einer glückenden Doppelvergabe würde ihm in stürmischer Zeit einen neuen Rückhalt geben. Rückhalt, den er dringend benötigt bei einer abschließenden Bewertung des russischen Großbetrugs im Doping und einer Neuverteilung der Kompetenzen im Kampf gegen diese für den Sport lebensbedrohlichen Seuche. Zur Kalkulation des Wirtschaftsanwalts Bach wird besonders zählen, dass eine Doppelvergabe das IOC auch finanziell gestärkt in das nächste Jahrzehnt gehen ließe, in eine Präsidentschaftszeit bis minimal 2021 und maximal 2025. Dabei ist es nicht so, dass es der RingeOrganisation finanziell schlecht ginge (siehe Kasten).

Die bisherigen Spiele waren hervorragend vermarktet. Selbst die national defizitäre, in einem höchst problematischen Umfeld veranstaltete Rio-Olympiade brachte dem IOC beträchtlichen Profit ein. Das liegt auch an seinem Geschäftsmodell, die kommerziellen Rechte frühzeitig und lohnend zu vergeben und die Wettkampfbilder voller Energie, Dramatik und auch Schönheit für den globalen Markt selbst zu produzieren. Sie sorgten weltweit für neue Zuschauerrekorde, zugleich standen sie im krassen Kontrast zur Lebenswirklichkeit in Brasiliens Metropole. Spiele in Paris und Los Angeles bieten eine große Chance, olympische Faszination auch vor Ort wiederzubeleben. Das alles allerdings in einer Zeit, in der Wahrscheinlichkeiten schwer vorauszusagen sind.

Die Doppelvergabe hätte aus Bachs Sicht noch weitere Vorteile. Sie wäre der Vorgänger einer von ihm propagierten „Einladungspolitik“, mit der das IOC frühzeitig Bewerbungen nach Qualitäten und individueller Stärke selektiert, erstmals anzuwenden bei der Suche nach dem Austragungsort der Winterspiele 2026. Soll heißen, das IOC sucht sich selbst geeignete Im besten Fall würde nur noch eine Stadt mit einer zugehörigen Region zur Endwahl stehen. Das böte erhebliche Einsparungsmöglichkeiten bei Kandidaturen und würde der olympischen Regierung auch ein Steuerungsinstrument bei der Vergabe an Kontinente geben.

olympischer-Sieg

Die asiatische Serie mit Winterspielen in Pyeongchang 2018 und Peking 2022 und den Sommerspielen 2020 in Tokio steht für eine aus der Not geborenen Vergabe, die Europa und die USA aus unterschiedlichen Gründen ausschloss. In Europa war es eine weit verbreitete Ablehnung gegen zu teuer gewordene Spiele, gegen die USA sprach das Gefühl einer zu dominanten Vormacht. Diese bedrohliche Gemengelage beschreibt Bach mit der Feststellung, das bisherige Kandidatenverfahren sei „zu teuer, zu mühsam, es produziert zu viele Verlierer“.

Bevor es zu einer Doppelvergabe kommen kann, muss Bach noch eine Reihe von Hindernissen aus dem Weg räumen. Opposition wird vor allem aus jenen Ländern erwartet, die sich Hoffnung auf die Spiele 2028 gemacht haben wie Putins Russland, das finanzmächtige Katar, aber auch Australien, Spanien und Türkei. Der IOC-Präsident hat dagegen den Schachzug gesetzt, das Quartett der Vizepräsidenten mit einem Änderungsvorschlag zu beauftragen. Außer dem Chinesen Yu Zaiquig sind es mit dem Australier John Coates, dem Türken Ugar Edener und dem Spanier Juan Antonio Samaranche Jr. Vertreter jener Länder, die vor ihrer Nominierung Bedenken gegen eine Doppelvergabe geäußert hatten. Umso gewichtiger ist nun
ihre Empfehlung an ihre 91 IOC-Kollegen, die Spiele bei der Vollversammlung im Herbst in Lima im Doppelpack zu vergeben. Einen Grundlagenbeschluss
dazu sollen die Olympier bei ihrem Treffen am 11. und 12. Juli in Lausanne fassen.

Die Präsentation der Pläne von Paris und Los Angeles ist deshalb zu einer Außerordentlichen Session aufgewertet worden. Bach weiß allzu gut, dass es im olympischen Parlament Unmut über weitere Beschränkungen seiner Rechte geben würde. Gemäß der Charta darf es allein den Olympiaort bestimmen und darüber hinaus den Präsidenten, die Vizepräsidenten, die Mitglieder des Exekutivkomitees und die Persönlichen Mitglieder auswählen. Dazu kann es über die Sportarten bestimmen. Der große Rest liegt in der Entscheidung des Exekutivkomitees, in dem die jeweiligen Präsidenten die Richtung vorgeben. Wenn sich Bachs pragmatische Vorstellung einer „Einladungspolitik“ bei der Bestimmung von Gastgebern Olympischer Spiele durchsetzen ließe, würde die Vollversammlung in ihrem wichtigsten Votum zumindest eingeschränkt.

Die IOC-Session hätte dann, wie im vorgelegten Fall der Doppelvergabe, Kandidaten mehr oder weniger nur noch abzunicken. Bei der Bestimmung des Programms Olympischer Spiele hat Bach dafür gesorgt, dass die Regulierung und Justierung weitgehend über die Auswahl der Disziplinen und Wettbewerbe erfolgt, und nur in Ausnahme über Sportarten. Aus der Erfahrung von Vorgänger Jacques Rogge, der mit seinem Versuch kläglich gescheitert war, Ringen aus dem Programm zu streichen, hat Bach mit unangemessener Vorsicht den Schluss gezogen, dem Gewichtheben als die am stärksten dopingverseuchte Sportart lediglich die Gelbe Karte zu zeigen. Verdient hätte es allein für die 49 bei Nachtests zu den Spielen in Peking und London ermittelten Vergehen die Rote Karte. Bis zum Jahresende muss der internationale Verband nun lediglich einen Plan vorlegen, „wie das Dopingproblem im Gewichtheben dauerhaft gelöst werden soll“.

Karte-der-Länder

Beim Abwägungsprozess von Vor- und Nachteilen künftiger Vergabepolitik spielt die Vermeidung von Korruption eine wesentliche Rolle. Sie hat sich tief eingenistet in einen Weltsport, in dem es zunehmend um Kaufen und Verkaufen von Leistungen geht, verbunden mit hohem finanziellen Einsatz und der Gewährung sonstiger Vorteilsnahme. Der Welt-Fußballverband FIFA nimmt dabei, wie hundertfach aufgedecktes. betrügerisches Verhalten zeigt, unangefochten den ersten Platz in der Kriminalistik-Tabelle internationaler Sportverbände ein.

Zu den gesicherten Erfahrungen zählt, dass in der Vergangenheit unter knapp 100 Olympiern stets einige ihre Voten an materielle Vorteile gebunden haben. Zumal das IOC trotz seines Sonderstatus mit ausgewählten Persönlichen Mitgliedern immer auch einen Querschnitt darstellt des olympischen Weltsports. Bachs Plan kann die Betrugsgefahr nicht abschaffen, er dämmt sie allerdings ein. Kein Stimmenfang mehr unter bis zu fünf Wettbewerbern, kein Einkauf mehr von teuren Agenturen. Eine Armee von Beratern und Agenten, die sich rund um die Vergabe Olympischer Spiele gebildet hat, würde arbeitslos, der Einfluss von Regierungen und Wirtschaft zurückgefahren.

Zunächst aber muss der Herr der Ringe erst einmal die Vollversammlung von seinem Vorhaben überzeugen - und dann, ganz wichtig, im Gespräch mit den Bewerbern Paris und Los Angeles eine verbindliche Absprache treffen. Ohne deren prinzipielles Einverständnis zu einer Doppelvergabe könnte
Bachs Plan nicht umgesetzt werden. Die Signale scheinen eindeutig zu sein. Eine Stimmenzählung hat Los Angeles offenbar zu der Einsicht gebracht, eine Kampfabstimmung gegen Paris nicht gewinnen zu können. Die Präsidentschaftswahlen in den USA und Frankreich mit dem Kontrastprogramm Donald Trump/Emmanuel Macron dürften dabei auch eine Rolle gespielt haben.

Bisher schien Lima als Gastgeber der Vollversammlung ein Kampfort zu werden mit großen Auftritten von politischer und sonstiger Prominenz. Nun wird Perus Hauptstadt wohl zu einem spannungslosen Ort der Eintracht werden. Die Olympier hätten dann keine Wahl mehr. Sie müssen dann voraussichtlich nur über einen Antrag des Exekutivkomitees entscheiden mit dem wesentlichen Vorschlag, Olympische Spiele 2024 in Paris und 2028 in Los Angeles zu feiern.

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